Märchenanfang aus Laim & Türkei

"Als die Flöhe beim Barbier saßen und die Kamele Ausrufer waren"

 

Im Laim-Up begegnete uns dieser sehr ungewöhnliche Märchenanfang.
Kunstvoll gesprochen hat ihn Can Gülçür. Und Nazli Çevik Azazi hat ihn für uns übersetzt.
Im Audio erklärt sie, wie und warum so ein absurder Text von Generation zu Generation weitergegeben wird und was es mit der faszinierenden Sprache von Can auf sich hat. Höre es dir an! 

 

 

Hier kommt die vollständige Übersetzung von Nazli: 

Die Schönheit der Rhythmik und Musikalität des Textes - den gibt es aber nur auf Türkisch von Can im Audio! 

 

Es war einmal und war doch nie.

Früher, mitten im Stroh,

als die Flöhe beim Barbier saßen

und die Kamele Ausrufer waren.

 

Wir gingen ein wenig, wir gingen viel,

über Täler, Hügel, geradeaus und schief.

Dann drehten wir uns um –

und was sahen wir da?

Kaum eine Gerstenlänge Weg geschafft,

so klein war unser Marsch.

 

Auf Namen, Geschmack, Staub und Salz

achten wir nicht.

Es reicht, den Schmerz zu spüren.

 

Was immer wir haben,

wir geben und geben:

Herz und Gemüt,

Ader und Stimme,

Atem, Traum, Fantasie,

Hirngespinst, Nachtbild,

Lied, Gedicht,

Reim und Nicht-Reim –

alles hinein,

wir lieben sonderbar,

seltsam sonderbar.

 

Sie sind so zahlreich

wie Ameisen in der Erde,

Fische im Wasser,

Vögel in der Luft.

Feige und mutig,

dumm und weise,

Herrscher und Kinder zugleich.

 

Sie zerstören, sie erschaffen –

sie sind es, von denen unsere Epen sprechen,

in unseren Märchen gibt es

nur ihre Abenteuer.

 

Hay hak, hak dost,

heiliger Freund, treuer Freund!

Von meinem Vater blieb mir ein alter Mantel:

Ich nähe ihn – er reißt,

ich nähe ihn – er reißt,

innen wimmelt’s von Flöhen.

 

Ich packte einen Floh

und schickte ihn nach Bagdad.

Ich wartete und wartete –

doch er kam nicht zurück.